Am Tag danach

Weit und breit kein Schiff, kein Flugzeug.  Keine Kondensstreifen am Himmel. Das Meer mit leichter Dünung.

Der mit dem Namen Der-große-Blaue sagte zu Wie-ein-Berg-unter-Wasser: „Ist das nicht wunderbar? Diese Stille! Wir können unsere Freunde und Verwandten wieder über viele Meilen hören. Kein Rattern, Dröhnen, Schnurren, Rasseln, Sirren und Tuckern! Nur noch das  Rauschen der Brandung und das Plätschern der Wellen.“

„Ja, wunderbar“, antwortete sein Freund, „wir mussten immer lauter und länger singen, um uns zu verständigen. Der Lärm, den diese Landwesen mit ihren hart-schaligen Schwimmgehäusen machten, wurde immer größer. Unerträglich! Manchmal sogar schmerzhaft. Jetzt aber hören wir die Stimmen von unseresgleichen, die über tausend Meilen entfernt sind. Großartig! Wie in früheren Zeiten, von denen die Alten sprachen. Wir können uns jetzt auch besser orientieren. Keine Ablenkung mehr, keine falschen Signale. Kein Schwarm verirrt sich in flache Gewässer und kommt dort um.“

 Die beiden schwammen einige Zeit ruhig nebeneinander her.

 „Und noch etwas“, sagte Der-große-Blaue zu Wie-ein-Berg-unter-Wasser, „nicht nur die Stille ist wunderbar. Es wird auch keiner aus unserer großen Familie von diesen Landwesen, die nur Unheil verbreiten, mit spitzen Stangen durchbohrt und getötet. Keiner wird auf diese hartschaligen Schwimmgehäuse gezogen und  – ein schrecklicher Gedanke! – zerstückelt. Endlich brauchen wir keine Angst mehr zu haben vor diesen furchtbaren Jägern und Räubern.“

 Wie-ein-Berg-unter-Wasser schwamm rasch in die Tiefe, stieg noch schneller empor, schoss aus dem Wasser heraus und ließ sich mit einem Riesenplatscher auf die Meeresoberfläche fallen. Wieder neben seinem Freund rief er: „Hei ho! Ho hei! Nun fängt eine neue Zeit an, eine Zeit des Friedens und des Glücks.“

Der-große-Blaue schlug zur Bestätigung seine Schwanzflosse waagerecht auf das Wasser. Dann sagte er: „Hoffen wir, dass auch dieses weiße, rote, blaue, gelbe, grüne und graue Kleinzeug, das diese Verschmutzer in unser Element werfen, möglichst bald verschwindet. Kein Tier, kein Fisch und kein Vogel soll mehr durch dieses Zeug umkommen.“

„Und hoffen wir“, sagte Berg-unter-Wasser, „dass auch diese kaum sichtbaren und weit ausgedehnten Fischfänger bald verschwunden sind, damit sich niemand mehr in ihnen verheddern kann und qualvoll erstickt.“

Nebeneinander schwimmend wurden die beiden immer schneller. Mal war Wie-ein-Berg-unter-Wasser vorn, mal Der-große-Blaue. Schließlich beendeten sie ihr Rennen mit einem lauten Knall der gleichzeitig auf die Meeresoberfläche  geschlagenen Schwanzflossen.                                      

                                                                                                                  

Keine Ahnung

Warum er in seinem Alter noch mit Inline-Skates fahre, wurde der ältere Herr gefragt.

„Keine Ahnung“, sagte er, „ Ich weiß es nicht.“

„Sie müssen doch wissen, weshalb Sie sich auf diese gefährlichen Dinger stellen.“ Er wurde bedrängt, eine vernünftige Antwort zu geben.

„Natürlich kann ich einiges nennen, was mich dazu bewegt, die, wie Sie sagen, gefährlichen Dinger unterzuschnallen. Ich hoffe, Sie haben Geduld, mir zuzuhören. 

Zunächst: Ich denke an meine Gesundheit. Seit ich Rollerblades fahre, habe ich keine Rückenprobleme mehr. Und erkältet bin ich auch fast nie. Und da ich gerne Schokolade esse, will ich meinen Adern etwas Gutes tun, damit sie nicht verstopfen. 

Dann: Ich betrachte gern den weiten Himmel, mit seinen schönen Wolken, mit den wunderbaren Sonnenuntergängen. Manchmal sehe ich auch den großen Mond am Horizont aufgehen. 

Außerdem: Ich fühle mich intensiver, lebendiger. Wind, Kälte Hitze, das gehört mit dazu. 

Ferner: Ich freue mich, wenn die Leute sagen: ,Toll, dass Sie das noch können!’ Also: ein bisschen Angeberei ist auch mit dabei. Vielleicht ist dies wichtiger, als ich mir selbst eingestehe. 

Und: Wenn ich an Büschen vorbeifahre, über die asphaltierten Wirtschaftswege, an einigen Wäldchen vorbei, dann sehe ich, wie die Natur sich im Laufe des Jahres verändert. Im Frühjahr bemerke ich Beinwell und Lungenkraut, im Sommer Pastinak, Wiesenkerbel und die weiße Lichtnelke, im Herbst rote und schwarze Hagebutten, Pfaffenhütchen, die Früchte des Weißdorns. 

Und weiter: Vögel interessierten mich immer schon. Ich höre die Lerche und suche sie mit den Augen hoch am Himmel. Manchmal sind Bussarde da oder ein einsamer Falke. Und wenn mich Fasane mit ihrem schwirrenden Flug erschrecken, ist das auch nicht schlimm.

Des Weiteren: Manchmal unterhalte ich mich mit Leuten, die am Weg wohnen, im Garten arbeiten und froh sind, sich ein wenig auszuruhen und zu reden: übers Wetter, über den Urlaub oder auch über die Erdbeerernte. So ein Small talk tut gut. Fast immer lernt man, die Welt mit anderen Augen zu sehen. 

Auch dies: Ich empfinde die fließende Bewegung mit den Rollerblades als sehr angenehm. Der ganze Körper ist beteiligt, anders als beim Radfahren. 

Noch was? Ach ja. Während ich mit den Inlinern fahre, ohne mich zu hetzen, kommen mir die besten  Ideen, Probleme lösen sich wie von selbst, und meine Gedanken klären sich.

Klar, ich könnte auch joggen, aber das tut den Knien nicht so gut, und ich wäre nicht so schnell.

Es gibt sicher noch weitere Gründe, die mir jetzt nicht einfallen oder die mir selbst überhaupt verborgen bleiben. Aber, wie gesagt, warum ich mich auf diese Dinger stelle, das weiß ich nicht, ich kenne nicht das Motiv, ich weiß nicht, was hier ausschlaggebend ist.“

„Aha“, konnte der Fragensteller nur sagen. Er wirkte ein wenig verwirrt. Der ältere Herr lächelte.