Ratschlag

Kerstin, sie ist Krankenschwester, spricht mit ihren Kolleginnen:

„Ihr habt Angst, wenn ihr im Dunkeln zum Parkplatz geht? Man sieht das auch: wie ihr den Kopf nach vorn beugt und wie ihr die Schultern hochzieht und schnelle kleine Schritte macht. Man sieht euch an, dass ihr Angst habt und leicht kleinzukriegen seid. Ich sag‘ euch was. Macht es anders. Kopf hoch, Oberkörper aufrecht. Und mit beschwingten Schritten gehen. Ihr fühlt euch gleich besser und habt weniger Angst. Und auch auf andere wirkt ihr anders: selbstbewusst,  mit Power, ihr könnt euch verteidigen. Ich mache das immer so, wenn ich im Dunklen irgendwo hin muss. Mich hat noch niemand angefasst und angemacht. Wie ihr euch bewegt, so fühlt ihr euch und so wirkt ihr auf andere. Meine Erfahrung. Und nicht nur meine.“

 

Die Geste

Was ich berichten will, ist so gut

wie nichts.

Manche Bankautomaten stehen in Räumen, die von der Straße aus zugänglich, aber durch eine Glastür verschlossen sind. Will man Geld holen, muss man die EC-Karte in einen waagerechten Schlitz neben der Tür schieben, damit sich diese zu den Seiten hin öffnet. Den Raum mit den Automaten zu verlassen ist einfacher. Man geht auf die Glastür zu, und ein Sensor sorgt dafür, dass sich die Tür von selbst öffnet. Man kennt das.

Ich wollte also Geld holen und ging auf eine solche Tür zu. Ich hatte beim Gehen schon die EC-Karte aus der Brieftasche geholt, um sie in den Schlitz zu stecken. Man muss darauf achten, dass man sie dabei richtig hält. Die Oberseite muss sichtbar sein, und der Magnetstreifen muss sich auf der Seite befinden, die eine Markierung an dem Schlitz anzeigt. Drinnen warteten mehrere Leute, um Geld oder Kontobelege zu ziehen. Der letzte in der kleinen Schlange war ein junger Mann, nicht mal zwanzig. Er sieht mich kommen, schaut mir ins Gesicht. Er geht einen Schritt zurück. Die Tür öffnet Buy cialis generic sich. Die EC-Karte in der Hand haltend, gehe ich hindurch und bedanke mich bei dem jungen Mann. Er nickt nur. Was er getan hatte? Fast nichts.

Keine Ahnung

Warum er in seinem Alter noch mit Inline-Skates fahre, wurde der ältere Herr gefragt.

„Keine Ahnung“, sagte er, „ Ich weiß es nicht.“

„Sie müssen doch wissen, weshalb Sie sich auf diese gefährlichen Dinger stellen.“ Er wurde bedrängt, eine vernünftige Antwort zu geben.

„Natürlich kann ich einiges nennen, was mich dazu bewegt, die, wie Sie sagen, gefährlichen Dinger unterzuschnallen. Ich hoffe, Sie haben Geduld, mir zuzuhören. 

Zunächst: Ich denke an meine Gesundheit. Seit ich Rollerblades fahre, habe ich keine Rückenprobleme mehr. Und erkältet bin ich auch fast nie. Und da ich gerne Schokolade esse, will ich meinen Adern etwas Gutes tun, damit sie nicht verstopfen. 

Dann: Ich betrachte gern den weiten Himmel, mit seinen schönen Wolken, mit den wunderbaren Sonnenuntergängen. Manchmal sehe ich auch den großen Mond am Horizont aufgehen. 

Außerdem: Ich fühle mich intensiver, lebendiger. Wind, Kälte Hitze, das gehört mit dazu. 

Ferner: Ich freue mich, wenn die Leute sagen: ,Toll, dass Sie das noch können!’ Also: ein bisschen Angeberei ist auch mit dabei. Vielleicht ist dies wichtiger, als ich mir selbst eingestehe. 

Und: Wenn ich an Büschen vorbeifahre, über die asphaltierten Wirtschaftswege, an einigen Wäldchen vorbei, dann sehe ich, wie die Natur sich im Laufe des Jahres verändert. Im Frühjahr bemerke ich Beinwell und Lungenkraut, im Sommer Pastinak, Wiesenkerbel und die weiße Lichtnelke, im Herbst rote und schwarze Hagebutten, Pfaffenhütchen, die Früchte des Weißdorns. 

Und weiter: Vögel interessierten mich immer schon. Ich höre die Lerche und suche sie mit den Augen hoch am Himmel. Manchmal sind Bussarde da oder ein einsamer Falke. Und wenn mich Fasane mit ihrem schwirrenden Flug erschrecken, ist das auch nicht schlimm.

Des Weiteren: Manchmal unterhalte ich mich mit Leuten, die am Weg wohnen, im Garten arbeiten und froh sind, sich ein wenig auszuruhen und zu reden: übers Wetter, über den Urlaub oder auch über die Erdbeerernte. So ein Small talk tut gut. Fast immer lernt man, die Welt mit anderen Augen zu sehen. 

Auch dies: Ich empfinde die fließende Bewegung mit den Rollerblades als sehr angenehm. Der ganze Körper ist beteiligt, anders als beim Radfahren. 

Noch was? Ach ja. Während ich mit den Inlinern fahre, ohne mich zu hetzen, kommen mir die besten  Ideen, Probleme lösen sich wie von selbst, und meine Gedanken klären sich.

Klar, ich könnte auch joggen, aber das tut den Knien nicht so gut, und ich wäre nicht so schnell.

Es gibt sicher noch weitere Gründe, die mir jetzt nicht einfallen oder die mir selbst überhaupt verborgen bleiben. Aber, wie gesagt, warum ich mich auf diese Dinger stelle, das weiß ich nicht, ich kenne nicht das Motiv, ich weiß nicht, was hier ausschlaggebend ist.“

„Aha“, konnte der Fragensteller nur sagen. Er wirkte ein wenig verwirrt. Der ältere Herr lächelte.

Das Lob

Im winterlichen Wald. Wenige Schritte neben dem Weg eine große Buche. Ihre oberirdische Wurzeln bilden kleine Näpfe, in denen sich Wasser gesammelt hat, das von einer dünnen Eisschicht überzogen ist. Ein etwa vierjähriges Mädchen geht hinter den Baum. Man hört ein Knirschen. Das Mädchen lugt um den Baum, schaut zu ihren Eltern  –  obere Mittelschicht –  und ruft: „Ich habe mit dem Fuß das Eis eingeknackt.“ Die Mutter begeistert: „Toll!“ Der Vater gleich hinterher genauso enthusiastisch: „Super!“ Das Mädchen lächelt.

 

Brechts Lehre

Von Bertolt Brecht, dem berühmten marxistischen Dichter, dem es um die Verbesserung menschlicher Verhältnisse ging, erzählte man sich folgende Anekdote.

Brecht saß mit seiner Familie beim Frühstück. Einem seiner Kinder gab er eine Praline. Die anderen gingen leer aus. Ihnen sagte er: „Damit ihr euch rechtzeitig an die Ungerechtigkeit gewöhnt.“

Man kann es dabei bewenden lassen, sich die enttäuschten Gesichter vorzustellen, man kann aber auch überlegen, ob Brecht vernünftig gehandelt hat.

Jemand könnte hier sagen: Ganz richtig, die Welt ist ungerecht, und jeder wird irgendwann einmal ungerecht behandelt werden. Da ist es doch gut, wenn man sich daran rechtzeitig gewöhnt hat und nicht tief deprimiert ist, wenn man bei einer Ungerechtigkeit der Leidtragende ist. Es stimmt doch: Wer sich an etwas Unangenehmes gewöhnt hat, der empfindet es nicht mehr so schlimm wie jemand, der davon überrascht wird. Man wir sozusagen immun gegen das Unangenehme. Das hilft, gut durchs Leben zu kommen.

Ein anderer wird einwerfen: Halt, da stimmt etwas nicht. Widerspricht der Brecht sich nicht selbst? Er will doch die Welt verbessern, und da sorgt er dafür, dass sich seine Kinder an Ungerechtigkeit gewöhnen? Man sollte sich doch gerade nicht an sie gewöhnen, sondern mit ganzer Kraft dafür eintreten, dass Ungerechtigkeit beseitigt wird. Hier passt doch gut die Redensart „Ein Unrecht hinnehmen zieht ein anderes nach sich.“ Wenn du eine Ungerechtigkeit einfach zulässt, dann hilfst du damit nur, dass es noch mehr Unrecht gibt. Irgendwie passt die Anekdote nicht zu Brecht. Oder er war einfach nicht konsequent in seinem Denken und Handeln.

Ein Dritter könnte sagen: Es ist bekannt, dass der Brecht manchmal um die Ecke dachte. Vielleicht hatte er gar nicht die Absicht, dass die Kinder sich an die Ungerechtigkeit gewöhnen, vielleicht wollte er, dass sie sich empören und ihm widersprechen: „Das ist doch Quatsch! Wir wollen uns gar nicht an Ungerechtigkeit gewöhnen. Wir wollen, dass es weniger Ungerechtigkeit auf der Welt gibt.“ Man kann sich vorstellen, dass Brecht nickte und grinste und kauend sagte: „Ihr habt’s erfasst.“ Und vielleicht ging’s so weiter: Die Kinder, die leer ausgegangen waren, riefen: „Wir wollen Gerechtigkeit. Wir wollen auch eine Praline.“ Und Brecht darauf: „Ich hatte nur eine. Aber es ist gut, dass ihr spürt, wie es ist, ungerecht behandelt zu werden.“