Der Sucher

Der Mann hatte gelesen, es sei etwas Großartiges, die Wahrheit zu suchen, die Wahrheit zu finden oder gar im Besitz der Wahrheit zu sein. Und so machte er sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Zuerst ging der Mann in eine Bäckerei. Er fragte. „Haben Sie die Wahrheit?“ Die Verkäuferin mit der weißen Schürze lachte und sagte: „Meinen Sie eine längliche Wahrheit, eine runde Wahrheit, eine goldgelb gebackene Wahrheit oder eine wunderbar lockere Wahrheit?“ „Nein, nein“, sagte der Mann. „Ich suche die Wahrheit.“ „Tut mir leid“, sagte die Verkäuferin, „so etwas haben wir nicht.“ Sie lächelte wohlwollend.

Da ging der Mann in einen Obst- und Gemüseladen. Er fragte: „Haben Sie die Wahrheit?“ Der rotwangige Besitzer runzelte die Stirn und fragte dann, mit völlig ernstem Gesicht: „Meinen Sie eine gesunde Wahrheit, eine saftige Wahrheit, eine vitaminreiche Wahrheit oder eine Wahrheit, die sich auch über den Winter hält?“ Als der Mann verwirrt dreinschaute, lachte der Rotwangige laut und sagte: „Nein, so etwas führe ich nicht.“

Da ging der Mann in einen Baumarkt und fragte an der Information einen orangefarben gekleideten Angestellten: „Haben Sie die Wahrheit?“ Der Angestellte schaute den Mann an und dachte eine Weile nach. Er sagte: „Meinen Sie eine Wahrheit, mit der man sägen kann, eine Wahrheit, mit der man Länge, Höhe, Gewicht und Materialfestigkeit misst, oder eine, die man zum Bauen von luftigen Baumhäusern verwendet?“ „Nein, nein“, sagte der Mann, „ich suche die Wahrheit.“ „Damit können wir leider nicht dienen. Beehren Sie uns in der nächsten Woche wieder. Vielleicht kommt die Wahrheit bei der nächsten Lieferung ins Haus.“ Ohne eine Miene zu verziehen, sah der Angestellte dem Mann lange nach, als dieser davon ging.

Da ging der Mann in den Zoo. Er fragte einen Wärter, der gerade ein Gehege ausmistete: „Gibt es hier im Zoo die Wahrheit?“ Der Wärter hielt mit seiner Tätigkeit inne, kratzte sich am Kopf und sagte: „Meinen Sie eine pelzige Wahrheit, eine gefiederte Wahrheit, eine schuppige Wahrheit oder eine Wahrheit mit Klammerschwanz?“ „Nein, nein“, sagte der Mann, „ich suche die Wahrheit.“ Der Wärter überlegte und sagte dann: „Wir haben hier alle möglichen Viecher, aber die Wahrheit, nee, die haben wir nicht.“

Der Mann ging traurig davon. Wohin sollte er gehen? Ja, in einen Buchladen, da musste es doch die Wahrheit geben. Mit neuem Mut ging er in einen schönen hellen Buchladen, der sich sogar über mehrere Stockwerke erstreckte. An der Information fragte er. „Haben Sie die Wahrheit?“ Die freundliche Dame sagte: „Da empfehle ich Ihnen die wissenschaftliche Abteilung auf der 3. Etage.“ Der Mann fuhr mit der Rolltreppe hinauf und fragte eine junge Angestellte: „Haben Sie die Wahrheit?“ „Die Wahrheit?“ Die Angesprochene dachte nach. „Meine Sie eine physikalische, eine biologische, eine chemische, eine astronomische, eine ökologische oder eine geschichtliche Wahrheit?“ „Nein, nein“, sagte der Mann. „Ich hätte gern die Wahrheit.“ Die Angestellte sah verlegen aus und sagte: „Warten Sie einen Augenblick. Ich bin neu hier. Ich werde Ihnen einen kompetenten Mitarbeiter schicken.“ Der Mann wartete voller Hoffnung. Ein älterer Herr mit langen weißen Haaren und einer Halbmondbrille kam auf ihn zu und sagte herzlich: „So, so! Sie suchen also die Wahrheit. Alle Achtung! Keiner unserer Kunden hat bisher nach der Wahrheit gefragt. Aber ich muss Ihnen leider sagen: Die Wahrheit gibt es nicht. Weder hier noch sonst wo. Dennoch: meine Hochachtung.“ Der Weißhaarige ergänzte: „Ich wünsche Ihnen gleichwohl viel Glück bei Ihrer Suche.“

Als der Mann wieder zu Hause war, setzte er sich in seinen Lieblingssessel. Er dachte nach. Und er erinnerte sich daran, was er neben anderem auch einmal gelesen hatte: „Die Suche nach der Wahrheit macht den Wert eines Menschen aus, nicht ihr Besitz.“ Dann war er also ein wertvoller Mensch? Aber er kam sich ganz und gar nicht großartig vor.      

Rioja, afrikanische Musik und ein Lexikon

[Dies ist, wie man merken wird, ein alter, aber ungelesener Text, in dem es um Toleranz geht.]

Das Rauchen hatte er sich abgewöhnt, aber Kaffee musste sein, wenn seine Gedanken arbeiten sollten. Er holte die Tasse aus der Küche: der Kaffee war heller geraten, als er es gewollt hatte, aber er hatte mit zuviel Schwung die Milch aus dem Tetra Pak in die Tasse gegossen. Hoffentlich war der Kaffee süß genug, zwei Süssli mussten eigentlich reichen. Er stellte den Kaffee aufs Tischchen, nahm Höffes „Lexikon der Ethik“ aus dem Regal und setzte sich so in den Sessel, dass das Licht von der linken Seite aufs Buch fiel. Er blätterte und las: „Theorie-Praxis-Verhältnis“, „Therapie“, „Tod“, „Todesstrafe“, „Tötung“, „Toleranz“. Ja, das war’s, über den Begriff der Toleranz wollte er sich informieren. Vielleicht auch ein wenig über ihn nachdenken. Die Definition war schön knapp:

Toleranz (lat. Duldung) meint das Gelten- und Gewährenlassen, besser noch: die Achtung anders- artiger buy generic cialis Anschauungen und Handlungsweisen. 

Er nickte. Gut, dass es nicht nur um Anschauungen, sondern auch um Handlungsweisen ging. Denn es störte doch mehr, was einer tat, als das, was einer dachte. Aber warum hatte der Autor sich verbessert? Da stand: „besser noch: Achtung andersartiger Anschauungen und Handlungsweisen.“ „Achtung“ war sicher mehr als „Gelten- und Gewährenlassen“, drückte Respekt vor den anderen aus, sogar die Pflicht, anderen das Ihrige zu lassen. Es fiel ihm Kant ein, der irgendwo davon sprach, dass Friedrich II. den hochmütigen Namen Toleranz für sich ablehnte. Klar: Friedrich II., der nicht ohne Grund der Große genannt wurde, sah es offensichtlich als seine Pflicht an, seinen Untertanen die Religionsfreiheit zu gewähren. „Gewähren“ war hier wohl nicht das richtige Wort, da dies auch wieder nach Herablassung klang. Vielleicht neutraler: „geben“. Schön war das auch nicht. Letztlich war dies nicht wichtig; worauf es hier ankam, war das Wort „Achtung“.

Er trank einen kleinen Schluck. Der Kaffee war immer noch sehr heiß, da er die Tasse zu lange in der Mikrowelle gelassen hatte. Drei Stückchen Süßstoff wären wohl besser gewesen, aber er hatte sich vorgenommen, seinen Süßstoffverbrauch einzuschränken. Er wandte sich wieder dem Artikel zu:

Im griechisch-römischen Polytheismus war sie mindestens als religiöse Toleranz selbstverständlich. Erst mit dem die absolute Wahrheit beanspruchenden Christentum wird sie zum Problem. Während christliche Denker der Frühzeit (Tertullian) sie forderten, wird sie – sobald das Christentum zur Staatsreligion avancierte – bis weit über die Reformationszeit hinaus häufig missachtet. Im Humanismus, der deutschen Mystik, vor allem der Aufklärung (Spinoza, Locke, Voltaire, Lessing u.a.) wird sie erneut, zusammen mit der religiösen Neutralität des Staates, gefordert. 

Ihm ging es nicht um die Geschichte der Toleranz, er wollte wissen, was unter „Toleranz“ genau zu verstehen war. Aber diese Verbindung von Intoleranz und Staatsreligion war schon bemerkenswert! Gab es heute noch irgendwo eine Staatsreligion? Im Iran, wo die Mullahs das Sagen hatten? Der Islam wurde dort als Staatsreligion praktiziert, aber war er auch in der Verfassung als solche festgeschrieben? Er musste bei Gelegenheit seinen Freund fragen, der sich in solchen Dingen besser auskannte als er. Staatsreligionen durfte es jedenfalls ebenso wenig geben wie einen staatlich ver-ordneten Atheismus.

Interessant auch, dass die Mystik religiöse Toleranz forderte. Ihm leuchtete ein, dass Mystiker tolerant sein mussten. Wer in einem persönlichen Erlebnis erfahren hatte, dass Gott alles Denken, alle Begriffe, alles, was sich sprachlich ausdrücken ließ,  überstieg, der hatte für religiöse Dogmen nichts übrig. Viele Mystiker hatten daher Schwierigkeiten mit den offiziellen Vertretern ihrer Religion bekommen. – Er las weiter:

Als persönliche Haltung gegenüber den Mitmenschen ist Toleranz keineswegs an Gleichgültigkeit gegenüber religiösen, weltanschaulichen, sittlichen und politischen Fragen gebunden (Toleranz als Alibi des Nihilismus), vielmehr setzt sie voraus, dass man feste Überzeugungen hat und trotzdem die anderen respektiert. 

Darüber musste er nachdenken. Warum konnte der Gleichgültige oder der Nihilist nicht tolerant sein? Heute nannte man doch einen Zeitgenossen, der an nichts und niemandem Anstoß nahm, tolerant. Aber hatte das mit wirklicher Toleranz zu tun? Höffe hatte eine engere Auffassung von Toleranz, er sah Toleranz offensichtlich als eine Leistung: man musste sich zu ihr durchringen. Es war wirklich kein Kunststück, „tolerant“ zu sein, wenn einem alles gleichgültig, gleich gültig, war oder man überhaupt keine Werte anerkannte wie der Nihilist. Wer feste Überzeugungen hatte und trotzdem tolerant war, den konnte man nur bewundern. Aber warum sollte man tolerant sein? Er las, nachdem er noch einen Schluck Kaffee genommen und ihn im Mund umhergerollt hatte, weiter.

Toleranz gründet in der Einsicht, dass kein Mensch schlechthin irrtums- und vorurteilsfrei ist, besonders aber in der Anerkennung anderer als freier und ebenbürtiger Personen, die das Recht haben, die eigenen Vorstellungen zu äußern und nach ihnen zu handeln, soweit sie nicht dasselbe Recht anderer beeinträchtigen.

Hier nannte Höffe zwei Motive für Toleranz. Das erste war offenbar das schwächere: Einsicht, dass kein Mensch irrtums- und vorurteilsfrei war. Vorher war aber von der festen Überzeugung die Rede. Wie vertrug sich das: feste Überzeugung und Einsicht in die Fehlbarkeit des Menschen? Wer felsenfest von seiner Sache überzeugt war, wusste doch auch, dass er selbst recht, Andersdenkende aber unrecht hatten. Hier lag doch ein Widerspruch vor, oder? Es gehörte jedenfalls so etwas wie Größe dazu, eine feste Überzeugung zu haben und sich zugleich einzugestehen, dass Menschen sich grundsätzlich irren konnten. Hatte ein Mensch, der dieses Wissen hatte, wirklich eine feste Überzeugung, oder hegte er nicht insgeheim Zweifel an ihr? Hier musste man noch weiterfragen, fragen, was denn eine feste Überzeugung überhaupt war und wodurch sie ihre Festigkeit bewies und wie fest sie sein musste, um als fest gelten zu können. Konnte es eine skeptische Überzeugung geben?

Das zweite Motiv, das Höffe nannte, interessierte ihn buy cialis mehr: andere werden als frei und ebenbürtig anerkannt und haben daher das Recht zu eigenen Vorstellungen. Und wenn dieses Recht vorlag, dann gab es auch die Pflicht zur Toleranz. Friedrich der Große hatte dies ja so gesehen, der Begriff Achtung gehörte hierher. Achtung vor dem Mitmenschen war in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Anerkennung des anderen als ebenbürtig und frei. Toleranz besagte allerdings nicht, alle Denk- und Verhaltensweisen des anderen hinzunehmen. Denn der andere musste seinerseits alle anderen mit ihren Rechten anerkennen. Toleranz hatte also eine Grenze. Wenn der andere intolerant war, brauchte man dies nicht zu tolerieren. Bei Popper hatte er gelesen: „Im Namen der Toleranz müssen wir das Recht beanspruchen, Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Oder so ähnlich. Genau dies schien Höffe zu meinen. Die Frage war nur, ob derjenige, der Intoleranz nicht hinnahm, genau dadurch intolerant war. Nach einigem Nachdenken wurde ihm klar: intolerant war dieser Mensch nicht, wenn Intoleranz das negativ zu bewertende Gegenteil zu Toleranz war. Es lag in diesem Fall ja eine berechtigte Ablehnung vor, also durfte man diesen Menschen nicht als intolerant bezeichnen. Wer Intoleranz nicht hinnahm, tat ja gerade etwas, was sein gutes Recht oder sogar seine Pflicht war, indem er sich gegen Zumutungen wehrte oder andere vor einer unberechtigten Einschränkung ihrer Freiheit in Schutz nahm.

Er trank den letzten Schluck Kaffee. Der Rest war unangenehmen süß und schmeckte nach Chemie. Sich reckend, stand er auf und trat ans Fenster. Unter ihm auf der Schnellstraße der übliche Verkehr. Die meisten fuhren anständig. Man gab anderen an der Auffahrt, wo zwei Spuren sich zu einer verengten, die Möglichkeit, sich einfädeln, ließ allerdings nie mehr als einen von der anderen Spur herein. Das Reißverschlusssystem funktionierte fast immer. War dies schon Ausdruck von Toleranz? Steckte der Wunsch dahinter, selbst auch möglichst ungehindert zu fahren? War es Freundlichkeit, Wohlwollen, Lebensart? Nein, mit Toleranz hatte das nichts zu tun, denn alle hatten ja dieselben Vorstellungen und Verhaltensweisen, es ging ja nicht um das Akzeptieren von Andersartigem. Und wenn einer sich nicht regelkonform verhielt, konnte man lautes, energisches Hupen hören. „Sehen wir weiter“, sagte er halblaut zu sich, setzte sich und nahm das Lexikon in die Hand.

Toleranz ermöglicht ein von Freiheit und Humanität bestimmtes Zusammenleben. Sie endet dort, wo es um die Missachtung der Rechte anderer geht. Deshalb ist sie nicht in dem Sinn repressiv, dass sie auch die Duldung der Unterdrückten gegenüber den Unterdrückern (Marcuse) fordert.

Ja, da stand es noch einmal und genauer als vorher: Toleranz endete dort, wo es um die Missachtung der Rechte anderer ging. Genau das hatte er auch gedacht. Wie aber sollte man mit Intoleranten umgehen? Popper meinte, man dürfe Intoleranz nicht tolerieren. Er hatte gewiss recht, wenn es um aggressive Intoleranz ging. Aber was war mit denen, die ihre Intoleranz nur verbal äußerten? Sollte man gleich mit Gesetzen ankommen und sie mit Gewalt mundtot machen, oder war es besser, sie reden zu lassen, damit man mit ihnen reden konnte? Wenn er an den Zulauf von extremen Gruppen dachte, schien es ihm doch besser, auch die verbale Intoleranz zu unterdrücken, bevor es zu spät war.

Er ging zum Tapedeck und schob eine Kassette ein: moderne schwarz-afrikanische Musik, die ein Nachbar für ihn überspielt hatte. Sehr melodisch, sehr rhythmisch, easy listening music. Das Stück gefiel ihm, Kinder und Erwachsene sangen abwechselnd oder so, dass sich die Melodien zum Teil übereinanderlegten. Er wusste, dass es eine schlechte Angewohnheit war, zwei Dinge gleichzeitig zu tun, etwa zu lesen und Musik zu hören. Aber die Musik trat, wenn er sich konzentrierte, allmählich in den Hintergrund und erzeugte nur noch das Gefühl, nicht alleine zu sein.

Er setzte sich so hin, dass er halb lag, streckte die Beine weit von sich und überflog noch einmal, was er bis jetzt gelesen hatte. Als er zu der Stelle kam, wo er aufgehört hatte, und weiterlas, setzte er sich aufrecht, das Gelesene verblüffte ihn. Hier stand klipp und klar, dass Toleranz nicht kostenlos zu haben war, sondern von Voraussetzungen abhing, die keineswegs selbstverständlich waren.

 Toleranz ist ein Zeichen von Selbstüberwindung – sie muss aggressiv-destruktiven Triebwünschen abgerungen werden (Mitscherlich) – und von Ichstärke, weil sie die Interessen anderer grundsätzlich anerkennt und die Auseinandersetzung mit fremden Meinungen nicht scheut. Toleranz vollendet sich im lebendigen Interesse an der Lebensform anderer und ist dann eine säkularisierte und zurückhaltende Weise von (Nächsten-)Liebe. 

Toleranz verlangte Selbstüberwindung, man durfte sich nicht von der eigenen Aggressivität beherrschen lassen. War denn jeder aggressiv? Gegen wen? Natürlich: man verabscheute mehr oder minder alle, die anders waren als man selbst oder anders dachten und handelten als man selbst. Das waren Feinde, die ihrerseits natürlich auch so empfanden. Und das bedeutete: sie mussten zum Schweigen gebracht, mundtot gemacht, abgeschoben, am besten ausgelöscht werden. Denn sie waren ja eine ständige Bedrohung. – Es schauderte ihn, als er diese Vorstellungen durchdachte. Es war aber dringend notwendig, dass man vor sich selbst zugab, dass solche Empfindungen einem nicht ganz fremd waren. Nicht nur die anderen waren die Bösen; denn für die war man selbst der andere, der Böses im Schilde führen konnte.

Toleranz war schwer zu verwirklichen, dachte er. Sie verlangte Selbstbewusstsein, Charakterstärke, Zivilcourage, Lebenserfahrung, Gelassenheit, die Fähigkeit zur Selbstkritik und wahrscheinlich auch eine gesicherte Position. Je unsicherer die eigene Lage war, umso schwerer musste es doch sein, Toleranz zu üben. Ihm ging’s gut. Er hatte keine Existenzsorgen. Folglich war es für ihn kein Kunststück, tolerant zu sein. Er hatte also keinen Grund, sich wegen seiner Toleranz auf die Schulter zu klopfen. Seine Nachbarn waren Türken, Franzosen, Niederländer, Aussiedler aus Polen, Aussiedler aus der damaligen Tschechoslowakei. Sein Sohn war mit einem Jungen befreundet, dessen Vater Iraner war. Eine gute Bekannte lebte mit einem Farbigen zusammen, sie hatten drei hübsche Kinder mit schöner milchkaffebrauner Haut. Alles kein Problem. Wer selbst in sicheren Verhältnissen war, konnte leicht tolerant sein. Schwierig wurde es für ihn nur, wenn seine deutschen Nachbarn ihre italienischen und spanischen Verwandten einluden, die dann nachts bis zwei, drei oder gar vier Uhr glaubten lauthals singen zu müssen. Da konnte er sehr ärgerlich werden und musste aufpassen, am nächsten Tag keine dummen Bemerkungen zu machen. Wirklich aggressive Gefühle, die er zurückhalten musste, kamen ihm nur hoch, wenn seine Mitbürger ihre Brauchtumstage begingen, wenn sie also Karneval oder, noch schlimmer, ihre idiotischen Schützenfeste feierten. Er wusste selbst nicht genau, was ihn da auf die Palme brachte, denn was da die biederen Bürger – eigentlich nur Männer – trieben, war doch harmlos.

Der Gedanke an die Spanier, die laut tremulierend sangen, ließ ihn an den Rioja denken, der neben dem Kühlschrank stand. Er durfte nicht zu kalt getrunken werden. Sollte er sich am Nachmittag einen Schluck genehmigen? Er legte das Buch zur Seite, ging in die Küche, holte ein Ikea-Wasserglas aus dem Küchenschrank, schnippte den Patentverschluss von der angebrochenen Flasche und goss das Glas halbvoll. Er zögerte, dann goss er noch ein wenig nach. Er probierte: der Wein war herb, trocken, schwer und ein wenig zu warm. Den Geschmack hatte er noch im Mund, als er sich wieder gesetzt und sein Buch in die Hand genommen hatte. Wo war er stehengeblieben? Richtig: „Toleranz vollendet sich im lebendigen Interesse an der Lebensform anderer und ist dann eine säkularisierte und zurückhaltende Weise der (Nächsten-)Liebe.“ Was da stand, gefiel ihm, er verstand es aber nicht. Warum genügte es nicht, die anderen gewähren zu lassen? Wozu Interesse an der andersartigen Lebensform? Richtig war, dass die Ressentiments verschwanden, wenn man die anderen genauer kannte, wenn man sie verstand. Und wenn man sie verstand und auch sah, wie sinnvoll eine andere Art zu leben sein konnte, dann bedurfte es keiner Toleranz mehr. Toleranz vollendete sich also, wenn sie sich selbst überwand und unnötig machte. Ein interessanter Gedanke! Und wieso sprach Höffe von Nächstenliebe? Wenn er Max Frisch richtig behalten hatte, gehörte zur Liebe, den anderen sein zu lassen, was und wie er war, und nicht den Versuch zu machen, den anderen umzumodeln. Das Seinlassen war wichtig. Daran mochte auch Höffe gedacht haben. Aber wahrscheinlich war Toleranz eher eine Sache der Gerechtigkeit: den anderen musste zugestanden werden, worauf sie ein Recht hatten.

Staatliche Toleranz realisiert sich in der rechtlichen Sicherung der Grundrechte der Religions-, Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit. Trotz der Bedenken von Marcuse, Wolff und anderen bleibt Toleranz eine Grundtugend der modernen pluralistischen Demokratie, durch die sie ihre politisch-soziale Ordnung aufrechterhält, indem sie die Vielfalt rivalisierender Bekenntnisse, Weltanschauungen und politischer Programme als legitim respektiert.

Die rechtliche Sicherung der Grundrechte war wichtig: der Staat durfte sich nicht auf die subjektive Toleranz der Bürger verlassen. Oft half nur die Polizei, um die Grundrechte zu schützen. Und was war mit den Bedenken von Marcuse und Wolff gegenüber der Toleranz? Er erinnerte sich schwach an den Begriff „repressive Toleranz“: Toleranz als Unterdrückungsinstrument. Er hatte das nie ver-standen. Denn wirkliche Toleranz hatte mit den Rechten der Menschen und der Achtung vor ihnen zu tun und konnte, wenn sie nicht bloßes Dulden von allem und jedem war, nicht gegen Menschen missbraucht werden. Toleranz schloss doch eine Nichtduldung von Missständen ein. Und es war gut, dass es pluralistische Gesellschaften gab. Wenn es viele unterschiedliche Religionen, Bekenntnisse, Weltanschauungen, Partei-programme und Lebensweisen gab, dann konnte nichts von alledem zu stark und damit tyrannisch werden, die Kräfte begrenzten sich gegenseitig.

Er nahm einen Schluck Rioja. Der Wein fühlte sich im Mund so an, als bestünde er aus feinsten Partikeln. Er dachte an dunkelroten Samt. Die Afrikaner spielten gerade ein Stück, das er besonders mochte. Es klang wie ein Liebeslied, innig, aber nicht sentimental. Die Harmonien waren europäisch, die klangvolle Sprache und der komplizierte Rhythmus erzeugten trotzdem eine Art Fernweh in ihm, obwohl er noch nie in Afrika gewesen war und nur undeutliche Vorstellungen hatte. Er versuchte gleichzeitig zu lesen und zu hören. Der Text überblendete jedoch die Musik:

Zugleich schützt die Toleranz, sofern sie zur sozialen Wirklichkeit wird, die Minderheiten, Randgruppen, auch Einzelgänger vor Repressionen und Diskriminierungen eines unduldsamen Fanatismus, der – die eigenen Überzeugungen absolut setzend – sie anderen mit offener oder versteckter Gewalt aufzwingt.

Minderheiten. Er dachte an Schwule und Lesben und daran, dass vor nicht allzu langer Zeit männliche Homosexualität strafbar war und dass zuvor die Nazis homosexuelle Männer ins KZ gesteckt hatten. Sie wurden mit einem rosa Winkel gekennzeichnet und dem Gespött der anderen Gefangenen ausgesetzt. Ihn schauderte. Fanatiker: das waren nicht unbedingt Schwachköpfe, aber sie waren schwach, ohne es zu wissen, ohne Ichstärke, ohne Selbstvertrauen. Sie identifizierten sich mit ihrer Meinung und empfanden es als gefährliche Bedrohung ihres Ichs, wenn es Menschen gab, die anders dachten. Wie verhinderte man, dass Kinder zu Fanatikern wurden? Wohl nur durch eine liebevolle Erziehung, die ein starkes Selbstwertgefühl vermittelte.

Die Kassette war zu Ende. Er stand langsam auf und trat ans Fenster. Jeden Tag um diese Zeit dasselbe: Stau in der Rushhour. Ein Renault Clio versuchte in Millimeterarbeit sich schräg vor einen Kadett zu setzen. Der Kadett zog einen halben Meter vor, er war im Vorteil. Ein gelbes ADAC-Fahrzeug steckte mitten im Stau. Vielleicht war auf der Brücke ein Wagen liegengeblieben.

Er drehte die Kassette um, drückte auf „Start“ und setzte sich.

Toleranz schließt nicht Kritik an, den Protest gegen und die Auseinandersetzung mit anderen Lebensvorstellungen aus. Im Gegensatz zur blanken Konfrontation eröffnet sie vielmehr einen Freiraum, in dem die Konflikte sachlich ausgetragen und entgegengesetzte Meinungen rational diskutiert werden können. 

Er glaubte zunächst, es handelte sich um einen Druckfehler und es müsste heißen: „Toleranz schließt nicht Kritik aus.“  Aber dann wurde ihm klar, es hiess: „Toleranz schließt nicht Kritik an anderen Lebensvorstellungen aus.“ Und man durfte auch gegen sie protestieren und sich mit ihnen auseinandersetzen. Toleranz war also keine Duckmäuserei, kein Stillhalten. Der Tolerante trug nicht ständig ein Lächeln auf dem Gesicht. Aber er diffamierte andere nicht, ging nicht mit Gewalt vor. Der Tolerante musste keineswegs konfliktscheu sein, aber Konflikte wurden sachlich ausgetragen, man wurde nicht „persönlich“, und angesagt war Diskussion, rationale Diskussion mit gescheiten Argumenten, und nicht einfach ein unverbindlicher Meinungsaustausch. Argumentieren war wichtig: wer argumentierte, zeigte damit seine Achtung vor dem anderen, denn er setzte bei ihm Vernunft voraus, Denkfähigkeit, Einsichtsfähigkeit. Vielleicht brachte dies den anderen, falls er noch nicht so weit war, dazu, Vernunft zu entwickeln. Versuchen musste man’s jedenfalls. Er dachte ans Fernsehen. Woran es bis jetzt noch fehlte, war eine Kultur des Streitens.

Er trank den Rest Rioja aus, ging wieder zum Fenster. Es hatte sich nur wenig bewegt. Der Clio stand jetzt hinter dem Kadett. Er fragte sich, ob er wirklich tolerant war. Er wusste es nicht. Engstirnig war er nicht, aber wirklich tolerant? Bis jetzt hatte er noch nie in einer Situation gestanden, die Toleranz in dem Sinne erfordert hätte, dass er sich hätte selbst überwinden müssen oder dass die Toleranz hätte „aggressiv-destruktiven Triebwünschen“  abgerungen werden müssen, wie es bei Höffe hieß.

Er drehte die Musik lauter und bewegte sich verhalten zu den afrikanischen Rhythmen.                                           

Bezugstext: Lexikon der Ethik. Hrsg. von Otfried Höffe. München: Beck 1977. S. 242 f.

Am Tag danach

Weit und breit kein Schiff, kein Flugzeug.  Keine Kondensstreifen am Himmel. Das Meer mit leichter Dünung.

Der mit dem Namen Der-große-Blaue sagte zu Wie-ein-Berg-unter-Wasser: „Ist das nicht wunderbar? Diese Stille! Wir können unsere Freunde und Verwandten wieder über viele Meilen hören. Kein Rattern, Dröhnen, Schnurren, Rasseln, Sirren und Tuckern! Nur noch das  Rauschen der Brandung und das Plätschern der Wellen.“

„Ja, wunderbar“, antwortete sein Freund, „wir mussten immer lauter und länger singen, um uns zu verständigen. Der Lärm, den diese Landwesen mit ihren hart-schaligen Schwimmgehäusen machten, wurde immer größer. Unerträglich! Manchmal sogar schmerzhaft. Jetzt aber hören wir die Stimmen von unseresgleichen, die über tausend Meilen entfernt sind. Großartig! Wie in früheren Zeiten, von denen die Alten sprachen. Wir können uns jetzt auch besser orientieren. Keine Ablenkung mehr, keine falschen Signale. Kein Schwarm verirrt sich in flache Gewässer und kommt dort um.“

 Die beiden schwammen einige Zeit ruhig nebeneinander her.

 „Und noch etwas“, sagte Der-große-Blaue zu Wie-ein-Berg-unter-Wasser, „nicht nur die Stille ist wunderbar. Es wird auch keiner aus unserer großen Familie von diesen Landwesen, die nur Unheil verbreiten, mit spitzen Stangen durchbohrt und getötet. Keiner wird auf diese hartschaligen Schwimmgehäuse gezogen und  – ein schrecklicher Gedanke! – zerstückelt. Endlich brauchen wir keine Angst mehr zu haben vor diesen furchtbaren Jägern und Räubern.“

 Wie-ein-Berg-unter-Wasser schwamm rasch in die Tiefe, stieg noch schneller empor, schoss aus dem Wasser heraus und ließ sich mit einem Riesenplatscher auf die Meeresoberfläche fallen. Wieder neben seinem Freund rief er: „Hei ho! Ho hei! Nun fängt eine neue Zeit an, eine Zeit des Friedens und des Glücks.“

Der-große-Blaue schlug zur Bestätigung seine Schwanzflosse waagerecht auf das Wasser. Dann sagte er: „Hoffen wir, dass auch dieses weiße, rote, blaue, gelbe, grüne und graue Kleinzeug, das diese Verschmutzer in unser Element werfen, möglichst bald verschwindet. Kein Tier, kein Fisch und kein Vogel soll mehr durch dieses Zeug umkommen.“

„Und hoffen wir“, sagte Berg-unter-Wasser, „dass auch diese kaum sichtbaren und weit ausgedehnten Fischfänger bald verschwunden sind, damit sich niemand mehr in ihnen verheddern kann und qualvoll erstickt.“

Nebeneinander schwimmend wurden die beiden immer schneller. Mal war Wie-ein-Berg-unter-Wasser vorn, mal Der-große-Blaue. Schließlich beendeten sie ihr Rennen mit einem lauten Knall der gleichzeitig auf die Meeresoberfläche  geschlagenen Schwanzflossen.                                      

                                                                                                                  

Weniger ist mehr

Ein Kunstfreund besaß  eine wunderbare Gemäldesammlung. Die Bilder waren weithin berühmt.

Auf einem Fest sprach ihn eine Dame an und fragte, ob sie einmal seine berühmte Gemälde-sammlung anschauen dürfe. „Aber selbstverständlich“, erwiderte der Kunstfreund, „Bilder wollen angeschaut werden.“ Man machte eine Zeit für die Besichtigung aus.

Zum vereinbarten Termin erschien die Dame, ihr Gesicht war voller Erwartung. Der Kunstfreund führte sie in ein großes Zimmer, das bis auf den Holzfußboden ganz in einem matten Weiß gehalten war. In der Mitte des Zimmers stand ein Stuhl, bequem, aber nicht zu bequem. Und an der Wand hing ein einziges Gemälde.

Die Dame sagte: „Aber ich wollte doch Ihre Gemäldesammlung sehen.“

Darauf der Kunstfreund: „Wenn alle meine Bilder in diesem Raum wären, dann würden Sie kein einziges Bild sehen. Nehmen Sie bitte Platz. Ich lasse Sie jetzt für eine Weile allein.“ Sprach’s und ging.

Als sich Dame nach geraumer Zeit verabschiedete, sagte sie: „Ich danke Ihnen sehr herzlich. Ich glaube, ich habe verstanden, was Sie meinten.“

Die Puppe

Ein kleines Mädchen – es hieß Anne – hatte eine alte, abgewetzte, ganz unansehnlich gewordene Puppe. Mit der spielte es oft, es spielte lange und schön mit ihr. Die Freundin des Mädchens – sie hieß Charlotte – hatte viele Puppen, alle neu, eine schöner als die andere. Als Charlotte bemerkte, dass Anne so schön und liebevoll mit der alten Puppe spielte, die doch gar nicht mehr hübsch aussah, da bat sie ihre Mutter: „Kauf mir auch so eine Puppe wie die, die Anne hat!“ Denn diese Puppe musste etwas ganz Besonderes sein, sonst würde Anne nicht so lieb mit ihr spielen.

Die Mutter tat, worum sie gebeten worden war, und kaufte eine Puppe, die genauso aussah wie die von Anne, nur neu und noch nicht abgewetzt. Nun würde Charlotte genauso schön mit ihrer neuen Puppe spielen wie Anne mit ihrer alten.

Aber zum Erstaunen und zum Unwillen des Mädchens war die Puppe nichts Besonderes, es machte gar keinen Spaß, mit ihr zu spielen. „So ein blödes Ding!“, rief Charlotte und warf sie zu den anderen Puppen, die alle aussahen, als wären sie gerade erst gekauft worden.